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Der Jedermannfred von Liezen

Geschrieben am 8. September 2016

„’S bringt nix, oidn Träumen nachzutrauer’n.“

In Liezen ist es endlich Hochsommer geworden. Darüber freut sich nicht nur der Wirt vom „Holzapfel“, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Auch der Stammtisch vom Holzapfel genießt die gemeinsamen Stunden im grünen Gastgarten. Bei all den sommerlich gekleideten Touristen, Kurgästen und Sportlern gibts immer was zu sehen oder zu bereden.

Dass sich der Älteste der Stammtisch-Runde nicht an dem bunten Treiben beteiligt, wundert keinen. „Der Manfred hot wieder sei Sommer-Leiden“, heißt es immer dann, wenn Manfred müde am Tisch lehnt und in die Ferne schaut. Niemand weiß, was mit ihm los ist. Nichts kann Manfred so recht aufmuntern – weder das Stamperl aufs Haus, noch die Musik, noch das ansteckende Lachen vom Franz. Weil jeder der Stammtisch-Freunde weiß, dass Manfred zu jeder anderen Zeit des Jahres ein lieber und lustiger Kerl ist, lassen sie ihn in Frieden. „Fragen bringt ja eh nix.“

Im Laufe des Abends gesellt sich eine Studentengruppe an den Stammtisch. Franz weiß halt, wie man sich schnell Freunde macht – ein Schmäh, eine Frage, ein Schwank aus dem Leben und schon stößt die ganze Runde mit den jungen Burschen und Mädln an. Außer Manfred. „Hallo! Ich bin Susi! Wer bist du?“ Eine der Studentinnen streckt Manfred ihren weißen Spritzer entgegen und strahlt wie die langsam untergehende Sonne.

Jedermannfred_Studenten

Manfred schaut nur kurz auf und gibt ein leises „Hmmmpf“ von sich.

Susi lässt sich davon nicht beeindrucken. „Wo kommst du her? Du bist sicherlich hier aus der Gegend, oder?“ – Keine Reaktion von Manfred. „Wir waren gestern in Salzburg. Bei den Festspielen. Kennst du die? Warst du auch schon mal da? Echt beeindruckend!“ Manfred hebt seinen Kopf und schaut Susi an. Nein, er starrt. Langsam verzieht sich sein Gesicht und eine dicke Träne rollt seine runzlige Wange runter.

Manfred steht auf, legt ein paar Euro auf den Tisch und verlässt fluchtartig den Gastgarten. Susi, Franz und die restliche große Runde schaut Manfred überrascht nach. „Wisst ihr denn goa nix?“ Der Wirt vom Holzapfel hat die Szene aus der Ferne beobachtet und baut sich jetzt verärgert vorm Stammtisch auf. „Der Manfred is a Schauspieler! In seine jungen Joar hot er si vier mal hintereinand’ bei de Festspiele beworb’n. Nie ist’s was g’worden.“

Nein, das haben Manfreds Stammtisch-Freunde nicht gewusst. Er hat ja nie mit ihnen drüber gesprochen. Klar, dass er Schauspieler ist, wussten sie alle. Aber auch nicht mehr. „Da müss’ ma doch was tun“, sagt Franz und schaut in die Runde. „Warum macht ihr dem Manfred nicht hier seine ganz eigenen Festspiele?“ Susi steht auf und stemmt die Arme in die Hüfte.

Theater und Schauspiel taugen den Stammtisch-Freunden eigentlich nicht wirklich, aber für Manfred greifen sie sich ein Herz. „Na guat, i kümmer mi um die Bühne. Stell’n ma se da vurn auf?“ „I frog meine Frau, ob sie uns bei de Kostüme hülft.“ „Und Licht brauch’n ma a, wenn ma am Abend spiel’n.“ Kurzerhand wird der große Tisch abgeräumt. Auf großen Zetteln sammeln sie all ihre Ideen.

In der kommenden Woche lässt sich Manfred nicht beim Holzapfel blicken. Zu sehr schämt er sich für seinen Abgang. Aber schließlich vermisst er seine Freunde doch zu sehr.

„Z’reißen werd’n se mich schon nicht“, denkt Manfred und ruft Franz an.

Der ist überglücklich, dass Manfred sich endlich meldet und wieder zum Holzapfel kommen mag. Es ist viertel neun am Abend als Manfred den Gastgarten betritt. Leer. Das Licht brennt, die Musik läuft und keiner ist da. „Franz?“ Fragend dreht sich Manfred im Kreis. Vielleicht da hinten bei der Terrasse? „JEEEDEEERMANN!“ Als Manfred um die Ecke schaut, kriegt er einen gehörigen Schreck. Auf einer kleinen beleuchteten Holzbühne mitten auf der Terrasse steht Franz. Komplett in schwarz gekleidet. Mit geschminktem Gesicht. „JEEEDEEERMANN!“ Plötzlich wird Manfred alles klar.

Jedermanfred_Kostüme

Seine Freunde kommen auf die Bühne. Die Kostüme sind vielleicht nicht ganz Festspiel-Standard, aber die Frau von Franz hat ihr bestes gegeben. „Weißt, Manfred, heut’ is’ der Holzapfel deine Bühne. Magst mitspielen?“ Manfred drückt Franz an sich. Und diesmal ist es eine Freudenträne, die seine Wagen runterrollt.

Noch bis spät in die Nacht improvisiert der Stammtisch aus Leibeskräften. Allen voran der beste „Jedermannfred“, den Liezen je gesehen hat.

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