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Doppelt gemoppelt – eine Maibaumaffäre

Geschrieben am 5. Mai 2016

„… dann brauch’ ma hoit Plan B“

Die langen Zweige der Trauerweide streichen sanft über das hohe Gras im Gastgarten. Während die Vögel emsig umherschwirren, um ihre Jungen zu füttern, wird auch im Wirtshaus in Rohrbach das Mittagessen serviert. Endlich wird’s wieder warm! Endlich beginnt die Zeit der lauen Abende! Aber die Idylle trügt. Das kleine Dorf Rohrbach ist im Ausnahmezustand. Der 1. Mai und mit ihm das traditionelle Maibaumstehlen in der benachbarten Gemeinde Hitzendorf stehen kurz bevor.

 

Spielregel

 

Der Rohrbacher Stammtisch hat sich beim Wirten eingefunden, um den Plan noch einmal durchzugehen. „Ihr wisst’s, worum’s geht! Der Hitzendorfer Wirt spendiert uns allen den Abend in seiner Stub’n, wenn wir’s schaffen, dass wir ihren Maibaum stehlen, ohne dass’ uns erwischen!“, sagt Fred, Wirt und Mastermind des Raubzugs, „seid’s ma ja alle pünktlich! Um Mitternacht geht’s los.“

 

02_traktor

 

In der Nacht machen sich die Rohrbacher mit zwei Traktoren auf den Weg nach Hitzendorf. Nur nicht riskieren, dass noch jemand unterwegs ist! Nichts rührt sich im Ort. Alles ist still. Auch der Dorfplatz ist leer. Einige Minuten warten die Männer und beobachten den Maibaum aus der Ferne. Rundherum niemand zu sehen. Langsam schleichen sie sich an den bunt geschmückten Baum heran. „Der is owa schen worden heuer“, raunt Fred, „der wird sich guat machen am Rohrbacher Hauptplatz!“

„Der Stamm bewegt sich keinen Millimeter.“

Die Männer stellen sich rund um den Baum und versuchen ihn gemeinsam aus seiner Verankerung zu ziehen. Das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht. „Hau ruck, hau ruck!“ Der Stamm bewegt sich keinen Millimeter. Weitere 10 Minuten zerren und fluchen die Männer. „Es hülft nix. Dann brauch’ ma hoit Plan B. Bringt’s ma des Fichtenmoped!“

 

03_kettensäge

 

Schnell greift sich einer der Burschen die Motorsäge vom Traktoranhänger. Mit einem Ruck reißt der Rohrbacher Wirt die Kettensäge an. Zentimeter um Zentimeter schneidet er in den Stamm, während seine Mannschaft sich positioniert, um den Baum möglichst sanft abzufangen. Geschafft! Fred hat den Baum gefällt und gemeinsam ziehen sie ihn auf die Ladeflächen der beiden Traktoren. Erlaubt ist das Umschneiden normalerweise nicht, da der Baum nicht beschädigt werden darf. Aber jetzt gilt: der Zweck heiligt die Mittel!

„Hmmm, i gfrei mi scho auf’s Bier!“

 Jetzt muss es schnell gehen. Bloß weg aus Hitzendorf! Auf der Hauptstraße wird die Stimmung schließlich gelöster. In das Knattern der Traktoren mischen sich Siegesgesänge der Rohrbacher Maibaumräuber. Gutes Essen und Freibier sind in greifbarer Nähe. „Hmmm, i gfrei mi scho auf’s Bier!“ ruft Fred in den Motorenlärm und reibt sich demonstrativ seinen stattlichen Bauch. „Des wird uns schmecken!“

Zwei Kurven vor der Ortstafel werden die Männer plötzlich von zwei Scheinwerfern überrascht, die sich langsam nähern. „Wos wird’n des?“, fragt Fred, als er sich die Hand schützend vor die Augen hält. Da tauchen zwei weiter Scheinwerfer auf. „De werden do net…“ Bevor Fred zu Ende reden kann, ist klar: zwei Traktoren steuern soeben direkt auf sie zu. Die Hitzendorfer hatten dieselbe Idee wie die Rohrbacher! Nur dürfte die Umsetzung besser, oder zumindest einen Hauch schneller geklappt haben. „Na do schau her!“, schreit einer vom gegnerischen Traktor. „Ihr wisst’s schon, dass wir euch no im Ortsgebiet mit’m Bam dawischt haben! Die Ablös’ g’hört uns! Und wir haben euren Bam bis über’d Ortsgrenz’ bracht. Also krieg ma gleich no amal a Ablös dafür!“

Eine verzwickte Situation für die Rohrbacher. Und was, wenn die Hitzendorfer auch noch den umgeschnittenen Stamm bemerken und dreifache Ablöse verlangen? Da hilft nur eins: in die Offensive gehen. „Na guat, erwischt“, meint Fred. „Was sagt’s, wenn ma glei gemeinsam zu mir in’d Stub’n fahren. Ihr kriegt’s euer Bier und a Paar Würstel für’n ersten Hunger. Und dann schau ma weiter, wie ma tun!“ Der Vorschlag trifft auf breite Zustimmung. Als Fred sein Wirtshaus aufsperrrt, graut bereits der Morgen. „Mit so was hätt’ i net g’rechnet“, lacht er, als er schließlich die erste Runde frisch gezapftes Bier auf den Tisch stellt. „Aber schön, dass ma so einmal alle z’sammkommen! Is’ doch eh a Gaudi. Und die Ablös’ habt’s euch verdient!“

 

04_Bier

 

Und so haben die Hitzendorfer zum ersten Mal zwei Ablösen für einen gelungenen Maibaum-Diebstahl bekommen. Und wer weiß, hätten sie genauer hingesehen, wären es vielleicht sogar drei gewesen.

Wie sieht’s bei euch im Ort aus? Habt ihr legendäre Geschichten beim Maibaumstehlen erlebt?

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Über A Bier und a G’schicht
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