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May-Dance am Annaberg

Geschrieben am 12. Mai 2016

„Hüfts nix, schods nix“

Mitte April und die ersten Sonnenstrahlen locken jeden aus seinem Winterversteck. Auf zur Erkundungstour durch die Gastgärten und Wirtshäuser am herrlichen Annaberg. Nur in Willis Stüberl merkt man nichts davon. Normalerweise ist um diese Jahreszeit hier schon einiges los. „Irgendwas muss bald passieren“, murmelt der 1,97 große Wirt Willi grantig vor sich hin. Wie jede Woche wischt er den alten Holzboden seiner Gaststube. Er ballt gerade den Wischmopp aus als sich die Tür der Gaststube öffnet.

Ein junger Bursche mit rosa Polo-Hemd, blauer kurzer Hose und ledernen Seglerschuhen steht vor Willibald. Ein goldener Schriftzug prangt auf seiner weißen Sonnenbrille. „Dürfte ich mir eine Frage erlauben“, beginnt er im schönsten Hochdeutsch. „Derf’n schon! Obst a Antwort kriagst, schauma moi“, antwortet ihm Willibald.

 

01_Retro

 

Unbeeindruckt spricht der Bursche weiter und legt dabei seine Visitenkarte auf den Tisch: „Mein Name ist Michael, ich bin Event-Manager aus Wien und suche eine abgefahrene Location für meinen May-Dance. Dieses Lokal hier ist sowas von retro, das könnte prima passen.“ Willibald schüttelt den Kopf: „Retro?“. Langsam baut er sich hinter der Theke auf. „Wir san ja ned bei Dancing-Stars, do könnt’s euch eine andere Lokalität suchen.“ Willi zeigt Richtung Tür: „Wiederschauen!“

„Wenn I den dawisch!“

Zwei Wochen später hat Willi noch immer keine Kundschaft. Er beginnt zu grübeln. Bei einem Blick ins Narrenkastl fällt ihm der junge Schnösel ein. „Hüfts nix, schods nix“, denkt er sich und greift zum Hörer: „Passt. I stell dir a paar ordentliche Boxen auf und du schaust, dass z’mindest ein paar Leit zu deinem Maitanz kommen.“

Der 30. April ist da, die Anlage ist aufgebaut und Willi ist bereit. Nervös geht er vor seiner Schank auf und ab. Auch für ihn ist das eine Ausnahmesituation. Die Uhr im Gasthaus zeigt 23 Uhr und noch immer ist kein Mensch da. „Hat mi der Weana nur veralbert, na wenn i den nomoi dawi…“, denkt Willi, als unter wildem Getöse Michael mit hundert Tanzwütigen im Wirtshaus einfällt. „Sorry Willy, wir wurden aufgehalten“, ruft Michael dem Wirten zu und bestellt eine Lokalrunde.

Vom Ausdruckstanz bis zur Rumba, Breakdance bis Rock´n´Roll – Alles wird getanzt. Die Musik dröhnt aus den Boxen. Die jungen Tänzer schwitzen. Willi beobachtet das ungewohnte Treiben. Im Minutentakt schenkt er Getränke aus. Plötzlich kommt ein junges Mädl an die Theke. Mit einer Handbewegung fordert sie Willi zum Tanz auf.

 

02_Tanz

 

Als Willi das Mädl packt und sie durch die Luft wirbelt, staunt die Menge. Willi schupft das Mädl unter seinen Beinen durch, fängt sie und wirbelt über den alten Holzboden. Unter Gegröle bildet sich ein Kreis um Willi und seine Partnerin. So etwas hat noch keiner der jungen Gäste gesehen. Willibald fühlt sich wieder wie zwanzig. „Willi, kannst du mir bitte sagen, wo du diese Moves gelernt hast“, kommt Michael in einer ruhigen Sekunde auf Willi zu. „Von 1970 bis 1972 wor i Taxi-Tänza in einem Wiener Lokal. Des wor a Zeit, oba des erzähl i dir ein anderes moi, Michl.“

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